Imaginärer
Realismus in der heutigen Zeit
Forschung und Technik einerseits sowie Gesellschaftsnormen, Arbeits- und
Medienwelt andererseits lassen wenig Platz für Romantik, Träumerei oder
Illusion. Unser Leben, unser Wirken und unsere Umwelt werden uns so real
gezeigt wie noch nie vorher. Die scheinbar letzten Geheimnisse des
Lebens stehen kurz vor ihrer Entschlüsselung, die moderne Technik setzt
Wunder an Wunder, das globale Wissen nimmt durch immer neue Entdeckungen
und Informationen in Sekundenschnelle in einem Maße zu, wofür es früher
Jahrhunderte oder vor kurzem noch Jahrzehnte dauerte.
Wir leben nicht
mehr in einer Zeit des Glaubens und Vermutens, wir leben in einer Zeit
des Wissens, wir leben real. Real sind aber auch Kriege - es gibt keinen
Tag, an dem nicht irgendwo auf der Welt blutig gekämpft wird -, Kriege,
die unzählige sinnlose Menschenopfer fordern. Wir können berechnen, wie
lange es dauern wird, bis wir unsere Umwelt soweit zerstört haben, dass
wir Katastrophen von ungeahntem Ausmaß nicht mehr verhindern können. Das
Zauberwort des zu Ende gehenden 20. Jahrhunderts war Globalisierung. Ein
enormer wirtschaftlicher Boom ist das Ziel dieser Zauberformel.
Beispiele dieser Art unseres realen Daseins ließen sich noch unzählige
anfügen.
Lassen
Sie uns nun theoretisch diese Realitäten gleichsam wie in einem Bild
darstellen. Stellen Sie der Umweltzerstörung die daraus resultierenden
Naturkatastrophen gegenüber, stellen Sie der Hightec der
Kriegsschauplätze, deren Opfer in die Millionen gehen könne, die
Medizin-Hightec gegenüber, die allein zur Rettung eines einzigen Lebens
aufgewendet wird und malen Sie nicht nur die Vorteile der
Globalisierung, sondern denken Sie auch an die globalen Gefahren wie
globale Wirtschaftskrisen, globale Ausbreitung von Krankheiten und die
globale Kriegsgefahr. Stellen Sie sich Slums, die in größerer
Geschwindigkeit wie Großstädte wachsen, vor in glitzernden Fassaden
unserer hochmodernen Metropolen und setzen Sie einen Menschen, der an
einem Tag mehr verdient als hunderttausende in Ihrem ganzen Leben in die
Mitte verhungernder Kinder. Diese Realität wird imaginär.
Genauso imaginär mag ein Kreuzritter mit Maschinengewehr und Funkgerät
erscheinen – wir möchten gerne darüber lachen. Das Lachen vergeht uns
aber, wenn Volksführer mit der geistigen Grundeinstellung des
Mittelalters die Verantwortung für viele Millionen Menschen tragen.
Diese Leute verfügen über modernste Mordinstrumentarien bis hin zur
Atombombe, haben aber eine philosophische und ethische Weltanschauung
wie vor tausend Jahren. Die einen wollen ihren Glauben mit Gewalt über
die ganze Welt ausbreiten, der andere sieht sich als verlängerter Arm
Gottes und spricht von einer Achse des Bösen (nichts anders als wieder
Millionen von Menschen), des Bösen, das zu vernichten er sich berufen
sieht.
Wirtschaft und Technik sind ein realer Bestandteil unseres Lebens
geworden, nicht aber aufgeklärter Humanismus. Wir sollten geistig
Schritt halten mit der Entwicklung der Zeit und nicht Überlieferungen
nachhängen, deren Inhalte (z.B. die Erde ist der Mittelpunkt der Welt
usw.) längst widerlegt sind, und auch in unserer Weltanschauung und
Ethik zum modernen Menschen mutieren.
Solange Religionen mit Absolutheitsansprüchen, egal welcher Richtung,
das Denken der Volksführer beherrschen, wird es keinen Frieden auf Erden
geben und genau so wenig wird der Terrorismus auf Erden ein Ende finden,
solange ein Teil der Menschheit in unermesslichem Reichtum, der andere
Teil aber in größter Armut und Hungersnot lebt. Eine
erfolgversprechendere Terrorismusbekämpfung als sinnlose Kriege wäre es,
die immensen Aufwendungen der Kriegsführung in die Bekämpfung der
Welthungersnot zu investieren.
Der soziale Friede wird auch in den westlichen Ländern gefährdet sein,
sollte die Schere zwischen arm und reich weiter auseinanderklaffen, wie
in den letzten Jahrzehnten zu beobachten ist.
Der größte Nährboden für diese Entwicklung ist der Kapitalismus, der von
jeher von der Intelligenz der Menschheit verdammt, von den
Verantwortlichen der westlichen Länder aber verteidigt wird. Er nimmt
immer extremere und gefährlichere Auswüchse an wie analog dazu die
Dummheit der Menschen zunimmt. Die Ethik wird ersetzt durch
Gewinnmaximierung.
Ein neues Wertebewusstsein muss geschaffen werden. Dies wird mit den
momentan Verantwortlichen in den Medien wie Fernsehen und Presse nicht
möglich sein. Asozial wird heute fast gleichgestellt mit arm, reich mit
bewundernswert. Wie primitiv wird der Mensch noch werden? Asozial ist
nicht Armut, sondern Rücksichtslosigkeit und Gewinneinfahrung auf Kosten
der Allgemeinheit wie z.B. Subventionsbetrug und Steuerhinterziehung, um
nur einige Beispiele zu nennen. Die Nutzniesser solcher Machenschaften
sollten nicht länger ob ihres suspekten Reichtums angesehen, nein, sie
sollten geächtet sein.
Allgemeinbildung wird nicht etwa von den Bildungsministerien durch
gezielte ethische Erziehung zu einem humanistischem, aufgeklärtem
Weltbild gewährleistet, sondern vielmehr von den Massenmedien, die ihr
Angebot nach Einschaltquoten bzw. Auflagenstärke entwerfen.
Der Mensch muss wieder lernen, kritisch zu beobachten (nicht nur am
Aktienmarkt, wie jüngst erfahren) und kritisch zu urteilen und sich ein
Weltbild schaffen, das den modernen Anforderungen gewachsen ist. Dieses
Weltbild darf weder von Religionen noch von primitiven Kapitalisten oder
machtgierigen Aspekten geprägt sein, sondern es muss den Menschen selbst
im Zentrum sehen, den Menschen im humanistischen Sinn, und es muss sich
orientieren an der Aufklärung und Glauben durch Wissen ersetzen.
Der „Imaginäre Realismus“ kann dies nicht malen. Aber dennoch, er kann
seinen Teil dazu beitragen: Er kann Zweifel setzen. Er kann den
Betrachter verunsichern, nicht alles so hinzunehmen, wie es vorgesetzt
wird, wenn er ihm Gegenstände gegenüberstellt, die ihm zwar bekannt,
aber in ihrer Anordnung oder Kombination ungewohnt sind. Zweifel und
Verunsicherung bedingen Misstrauen, Nachdenken und Hinterfragung. Damit
ist viel gewonnen in einer Zeit, in der das oberflächliche Angebot von
geistiger Unterhaltung unzerkaut aufgenommen und unverdaut wieder
ausgeschieden wird.
Ich möchte zum Abschluss Michael Schmidt-Salomon zitieren:
„...Angebot und Nachfrage sind gerade auf dem Feld der massenmedialen
Kommunikation selbstverstärkende Prozesse. Wer dank der kurzfristigen
Profitinteressen der Programmmacher niemals erfahren durfte, dass es
auch jenseits der MTV-Standardrotation interessante musikalische
Universen gibt (die man aber erst dann genießen kann, wenn man sich mit
ihnen näher beschäftigt), wem niemals vermittelt wurde, dass es
spannender ist, sich mit Philosophie, Wissenschaft und Kunst zu
beschäftigen als den intellektuell arg limitierten Big-Brother-Insassen
beim Nasepopeln zuzuschauen, der wird sich notgedrungen mit den
schlechteren Alternativen abfinden – nicht wissend, was er dadurch in
seinem Leben verpasst. ...“
Januar 2009